Skip to content

Kleinvieh

9. Mai 2012

Ja, auch Kleinvieh macht Mist bzw. Arbeit. Das GEBLA 20 Anniversary mit der Nummer 20, an dem ich gerade arbeite, wird ja ein gefedertes Rad sein und da gibt es immer ein paar Teile mehr zu machen.

Eigentlich kann man mit sehr wenig Technik einen Fahrradrahmen bauen. Säge, Feile, Schraubstock, Bohrmaschine und Lötbrenner reichen grundsätzlich aus. Und Anfängern würde ich auch empfehlen, erst einmal mit diesen Mitteln einen Rahmen zu bauen. Oder auch ein paar mehr. Manche amerikanischen Rahmenbauer machen auch für professionellen Rahmenbau eine Minimalausstattung zum Prinzip. Mir wäre das zu puritanisch. Und es limitiert natürlich auch auf bestimmte Rahmentypen. Ein gefedertes Rad ist so kaum zu bauen, auf jeden Fall nicht in der Qualität, die ich erwarte. Für viele meiner Räder fertige ich auch spezielle Komponenten an, die es so nicht zu kaufen gibt. Ein bißchen sehe ich mich da in der Tradition einiger französischer Rahmenbauer, die sich auch nicht auf den Bau des Rahmens beschränkt haben, sondern das ganze Rad im Blick hatten. Denn so schön ein Rahmen auch sein mag, seine Erfüllung findet er erst in einem Rad, das ihm auch gerecht wird und bei dem alles perfekt zusammenspielt.

Im drittletzten Bild des letzten Bauberichtes von Nummer 20 war es schon zu erahnen: Das Rad bekommt ein verlängertes Sitzrohr mit integrierter Sattelstütze. In Mode gekommen ist das in den letzten Jahren vor allem durch Carbonrahmen. Bei denen ist das Klemmen einer Sattelstütze immer problematisch, eine Klemmung außen auf dem verlängerten Sitzrohr ist da technisch besser. Allerdings sieht das meiner Meinung nach teilweise extrem unschön aus: Auf dem relativ schlanken Rohr sitzt manchmal ein extrem klobiges Klemmstück, auf dem dann wieder ein minimalistischer Sattel thront. Optisch und technisch sollte es nach oben hin eher schlanker werden, wie eine Fahnenstange oder ein Stamm oder Ast eines Baumes. Zudem sollte es auch eine Verstellung um mehrere Zentimeter erlauben, das ist schon zum Wechsel des Sattels notwendig. Um das alles zu erreichen, baue ich die integrierte Sattelstütze selbst:

Bei einer Spendersattelstütze wird das Rohr so abgedreht, daß der Kopf nutzbar wird. Der Kopf dreht sich so schnell, daß er nur sehr verschwommen zu erkennen ist:

Ein neues Sattelrohr im passenden Durchmesser wird gedreht:

Und ein paar weitere angefertigte Teile später ist sie fertig, die neue Sattelstütze mit Innenklemmung:

Da die Drehmaschine gerade so schön läuft, mache ich gleich noch zwei Sattelstützen mehr. Beziehungsweise ich fertige Ersatzrohre für alte Interloc-Sattelstützen, die bei klassischen Mountainbikes recht verbreitet sind. Auf die silberne Stütze ist der alte Kopf schon mal testweise montiert, bei der schwarzen muß das angefertigte Kopfstück noch zum Anodisieren, damit es schwarz wird:

Aber weiter mit der Nummer 20. Dort wird es jetzt federungsspezifisch. Vermutlich haben Sie es schon geahnt, ich baue grundsätzlich auch alle Lagerachsen, Umlenkhebel, Dämpferaufnahmen usw. für meine Räder selbst. Auch darum, weil ich seit 20 Jahren Erfahrung im Bau von gefederten Fahrrädern habe und weiß, daß meine Lagerungen ohne Wenn und Aber funktionieren. Das liegt teilweise an der Konstruktion, aber auch an der Beschränkung auf hochwertige Einzelteile. Zudem sind die Lagerungen immer noch zusätzlich zu den Lagerdichtungen gedichtet.

Im Bild: Die Lagerachse, hausgemacht aus hochfestem Aluminium, für höchste Präzision in einer Aufspannung gedreht. Die Hülsenmuttern lasse ich für meine Lagerungen speziell anfertigen, wenn schon denn schon. Zwei X-Ringe sorgen für die zusätzliche Abdichtung. Und die Lager selbst sind sogenannte Zweireihige Schrägkugellager. Sie sind spielfrei vorgespannt und können seitliche Kräfte aufnehmen. Kugellagerspezialisten werden es an den gelben Deckeln schon erkannt haben: Sie kommen von INA, nicht aus China. Wer es ergoogeln möchte (ich habe die Typenbezeichnung extra auf dem Foto sichtbar gelassen): Der Preis eines Lagers liegt etwa auf dem Niveau eines kompletten starren Aluminiumrahmens in Asien. Nicht ergooglebar: Die beiden Hülsenmuttern zusammen auch.

Eigentlich hatte ich geglaubt, daß die leidige Diskussion darüber, ob denn nun Gleitlager oder Kugellager bei einem gefederten Fahrrad besser sind, ein paar Jahre zurückliegt. Schon vor ein Jahren hatte ich einen technischen Artikel über das Thema geschrieben. Und regelmäßig lese ich in neuerer Zeit dieselben Argumente wie anno dazumal. In jeder Diskussion in einem Forum kommt dann noch ein Student im ersten oder zweiten Semester Maschinenbau hinzu und doziert lehrbuchgerecht, daß sich Kugellager für Lagerungen gefederter Hinterbauten nun gar nicht eignen, da es sich nicht um schnellaufende Lagerungen handelt. Da könnte ich mich aufregen. Tu ich aber nicht. Schließlich halten meine Kugellagerungen seit 1993, das ist länger, als die meisten Firmen überhaupt Erfahrung mit gefederten Fahrrädern haben (Nur mein erstes gefedertes Mountainbike 1992 habe ich noch mit Gleitlagerung gebaut). Allerdings mußte ich in meiner Diplomarbeit darauf hinweisen, daß meine Lagerungen nicht gerade beispielhaft für den allgemeinen Maschinenbau sind. 🙂 Sie sind das auch nicht, gottseidank. Die wenigsten Leute radeln auch bei gutem Wetter auf einer Drehmaschine oder einem Getriebe für Windkraftanlagen über ruhige Nebenstraßen.

Wer sich die Diplomarbeit durchlesen möchte, findet sie hier. Aus irgendeinem Grund klappt es bei mir nur, sie mit der rechten Maustaste herunterzuladen und dann auf dem Computer zu öffnen. Das PDF öffnet nicht direkt.

Viele Grüße,

Georg Blaschke

Advertisements
10 Kommentare
  1. MIKe permalink

    georg der aufwand ist wahnsinn – ich hab von maschinenbau keine ahnung aber das klingt alles sehr stimmig !!

  2. hallo georg!
    so eine sattelstützenklemmung habe ich mir bei meinem rahmen auch schon ausgedacht. einziges fragezeichen für mich ist noch die befestigung, die ja auch bei deinem exemplar wohl nur bei abgenommenem sattel klappt (oder bei diesen geschlitzten sätteln für alte männer ;))
    jedenfalls ist das 100x schöner als diese stubbies.
    lg
    m.

  3. Hallo Manfred,

    das kommt ein wenig auf den Sattel an. Bei vielen klappt das mit einem kurzen 5mm Inbus recht gut. Aber vielleicht wäre auch eine gute Idee, direkt einen speziell gebogenen 5mm Inbus anzufertigen, mit dem es immer klappt. Mal sehen. 🙂

    Viele Grüße,
    Georg

  4. Micha permalink

    Georg, ich bin auch mal wieder hier gelandet, ganz grosses Kino die Stützengeschichten.

    Gruss
    Micha

    ps. sonntag wird die perlsau montiert 🙂

  5. Ulrich V. permalink

    Bei der Stützenform wäre doch auch eine „normale“ Sechskantschraube denkbar – mit einem einfachen Gabelschlüssel oder den gekröpften, wie sie für Kernledersättel zum Nachspannen gedacht waren, wäre der Zugang zur Schraube sehr einfach.

    Viele Grüße
    Ulrich

  6. Tobi K. permalink

    Hallo Georg,
    auf der Suche nach einer Sattelstütze mit integrierter Klemmung bin ich auf Deine schöne Seite gestoßen. Hast Du die Möglichkeit, mir eine solche Stütze herzustellen?
    Spezifikationen:
    Durchmesser: 27,2mm
    Alu schwarz

    Ich würde mich sehr über eine Rückantwort freuen.

    Viele Grüße,
    Tobi

  7. Timo permalink

    Hallo,
    auch ich bin bei der Suche nach einer neuen Sattelstütze für mein Peugeot Rennrad auf deine Seite gestoßen. Deine Konstruktion ist für mich inspirierend, mir auch so eine zu bauen. Bissher habe ich jedoch keine „Spenderstütze“ gefunden, deren Kopf ich dafür hernehmen könnte.
    Kannst Du mir vielleicht einen Tip geben welche Stütze Du dafür genommen hast, die genug Platz hat um oben eine Schraube aufzunehmen?
    Vielen Dank und vielen Grüße
    Timo

    • Hallo Timo,

      die günstigen Stützen von Truvativ funktionieren, aber es gibt sie nur in den gängigen Durchmessern.

      Viele Grüße,
      Georg

Trackbacks & Pingbacks

  1. Ein Softtail entsteht « GeorgBlaschkeBikes

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: