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Die armen Radfahrer

11. Juli 2012

Es fällt mir manchmal schwer, mich in die Gedankenwelt bestimmter Leute zu versetzten. Zum Beispiel in die Gedankenwelt der doch recht großen Gruppe von Leuten, für die ein Fahrrad ein Notbehelf ist: Entweder man ist noch nicht alt genug, einen Führerschein zu machen. Oder der Führerschein liegt in Flensburg zur Verwahrung. Oder das Auto ist in der Werkstatt. Oder man möchte zum nahegelegenen Weinfest. Oder man hat zuwenig Geld für ein Auto. Gerade der letzte Punkt scheint vielen Leuten direkt in den Sinn zu kommen, wenn man mit dem Fahrrad erscheint. Die Resultate solcher Situationen können sehr lustig, traurig, sinnlos, nervig und was weiß ich noch alles sein, ich höre da regelmäßig interessante Geschichten. Deshalb weiß ich, daß es nicht nur mir so geht. Zum Glück haben die allermeisten Radfahrer ein gesundes Selbstvertrauen und können das von der humorvollen Seite nehmen.

In meinen 13 Jahren bei SRAM in Schweinfurt bin ich selbstverständlich täglich mit dem Rad zur Arbeit gefahren, wie die meisten Ingenieure in der Entwicklung dort. Als Ende der 90er Jahre ein neues Auto anstand, hat mir vom Raumkonzept her der Peugeot Partner ganz gut gefallen, der damals als Modell recht neu war. Also habe ich auf dem Heimweg einen Abstecher zum Autohaus gemacht. Nach langen Minuten des Wartens kam ein Verkäufer. Nachdem ich ihm erklärte, wofür ich mich interessiere, deutete er nur wortlos auf den Prospektständer und ging telefonieren. Klar, daß ich dann direkt aus der Tür bin, ohne noch den Umweg zum Prospekt zu machen. Ich gehe fest davon aus, daß sich der Verkäufer anders verhalten hätte, wäre ich ohne Rad, dafür mit Anzug aufgetreten. Für ihn eine verpaßte Gelegenheit, für mich eine schöne Geschichte.

Nicht immer allerdings gilt man automatisch als verarmt. Vor allem dann, wenn das Gegenüber weiß, wie teuer ein gutes Fahrrad ist, kann man auch als Vollidiot oder Verrückter durchgehen. Mit ein wenig Glück erzeugt man nur bedauerndes Mitgefühl. Ich weiß nicht warum, aber in englischschprachigen Ländern (und Foren) wird einem da eher wohlwollend ein Spleen zugestanden. Wenn man sich so die klassische Literatur ansieht, ist es im Gegenteil doch eher so, daß zum Beispiel ein Brite der besseren Gesellschaft ohne einen, oft sportlichen, Tick oder eine gewisse Excentrizität kaum vorstellbar ist. Ich wäre der letzte, der behauptet, daß Radbegeisterte immer normal sind. Aber: Muß es negativ besetzt sein, unnormal zu sein?

Und da fällt mir meine Lieblingsgeschschichte zu diesem Zusammenhang ein: Als ein Freund von mir vor ein paar Jahren beschloß, fürderhin mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, ahnte er schon, daß die mehr als 50 Kilometer pro Tag ihm spätestens im Herbst und Winter schwer fallen würden. Also wurde das zweite Auto der Familie verkauft, um sich den Schritt zurück nicht zu leicht zu machen. Irgendwann später kam der Frau in dem kleineren Ort das Gerücht zu Ohren, das mittlerweile kursierte: Er hat den Arbeitsplatz verloren, sie mußten das zweite Auto verkaufen, er arbeitet jetzt als Radkurier. So schnell kann´s gehen. 🙂 Gut, wenn man darüber lachen kann.

Aber natürlich verdient man auch einfach Geld, indem man Autokilometer durch Radkilometer ersetzt. Insofern hat Radfahren auch eine ökonomische Komponente. Dieses gesparte Geld kann man dann zum Beispiel für ein schönes Fahrrad ausgeben, mit dem es besondere Freude bereitet, ins Büro zu kommen. Und ein paar Leute werden diesem Rad dann sogar ansehen, daß der Fahrer wegen des Radfahrens selbst auf ihm sitzt. Um ein solches Bürorad geht es das nächste mal.

Viele Grüße,

Georg Blaschke

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2 Kommentare
  1. Hr Kern permalink

    Ich hoffe doch sehr, dass es sich bei dem angekündigten Rad um die Nr 13 handelt!

  2. Leider noch nicht, aber auch das kommt bald dran. 🙂

    Viele Grüße,
    Georg

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