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Tandem- und Rahmenentwicklung

12. Februar 2014

So ein Tandem ist eine lange Sache. Nicht nur als Fahrrad selbst, auch in seiner Entstehung und der Beschreibung derselben. Und dieser Beitrag wird nicht mal der letzte sein, es stehen ja noch die Lackierung und der Aufbau zum fertigen Rad an.:-)

Da das Interesse am Tandem recht groß ist, möchte ich hier auch noch etwas weiter ausholen, um die Entstehungsgeschichte deutlicher zu machen. Regelmäßig bekomme ich auch die Frage gestellt, warum ich meine Tandems so und so baue. Darauf kann ich nur antworten, daß es etwas wie „meine Tandems“ nur mit Einschränkungen gibt, genau wie bei den anderen Rahmen, die ich baue. Jeder Rahmen ist ein Einzelstück und dafür gemacht, die Wünsche und Bedürfnisse des jeweiligen Kunden zu erfüllen. Einige Konzepte und Details finden sich bei allen Rahmen wieder, aber ein großer Teil des Rahmen ist auf den Kunden zugeschnitten. Beziehungsweise auf die Kunden, denn beim Tandem sind es zwei. 🙂

Die Basis eines jeden Rahmens ist für mich der Kontakt zum Fahrer. Zuerst wird also die Rahmengeometrie festgelegt, soweit sie die Positionen von Tretlager, Sattel und Lenker betrifft. Die Wahl des Lenkers muß jetzt schon erfolgen, da sie für die Oberrohrlänge, das wichtigste Maß des späteren Rahmens, sehr bedeutsam ist. Zur Bestimmung einer Geometrie kommen mich viele Kunden besuchen, oft mit einem vorhandenen Rad. Einige Kunden wissen „ihre“ Oberrohrlänge auch schon von vielen Fahrradkilometern her oder wir vermessen vorhandene Räder. Manche Kunden lassen sich extern vermessen und kommen mit einer komplett fertigen Geomtrie, was mir die Arbeit erleichtert und den Rahmen dann auch etwas günstiger macht. Von Formeln oder Internetrechnern, die nach Eingabe von Körpermaßen eine Geometrie ausspucken, rate ich ab. Bei der Sattelhöhe klappt das gut, aber bei der wichtigeren Oberrrohrlänge kommt es zu sehr auf den Einzelfall an, als daß ein Errechnen aus Oberkörper- und Armlänge verläßlich funktionierte. Im Leistungssport ist das anders, da kann man erwarten, daß sich der Sportler an eine optimale Haltung anpaßt. Bei „normalen“ Menschen sollte sich das Rad an den Menschen anpassen.

Im Falle des Tandems war die Geometrieentwicklung relativ einfach: Der Captain hatte schon einen Randonneur von mir, dessen Geometrie er für das Randonneur-Tandem auch wünschte. Für die Stokerin sind wir bei der Länge zwischen Sattel und Lenker von ihren beiden vorhandenen Rädern ausgegangen. Der Abstand zwischen beiden Tretlagern ist mit 800mm recht großzügig gewählt, so daß man nicht zu eng aufeinander sitzt. Die Sitzrohrlänge der Stokerin ist eher kurz gehalten: Die Planung ist hier, daß nachwachsende Tandemfahrer recht früh mitfahren können, ohne ein drittes Tretlager oder ähnliches montieren zu müssen. Es wird zwar noch ein paar Jahre dauern bis es soweit ist, aber ein Tandem schafft man sich nicht für eine Saison an. 🙂 Zumal dieses Tandem ein Hochzeitsgeschenk ist, zu dem viele Freunde beigetragen haben.

Als zweiten Schritt für die Rahmenentwicklung kommen die restliche Geometrie und die Wahl der Hauptkomponenten an die Reihe. Die Komponenten sind ja teilweise wichtig für bestimmte Rahmenmaße, man denke zum Beispiel an eine Federgabel, an die Schaltung oder an Packtaschen und Schutzbleche, die eine gewisse Kettenstrebenlänge bedingen. Zudem bestimmt die Geometrie das Fahrverhalten oder besser gesagt, man muß die Geometrie nach dem gewünschten Fahrverhalten unter Berücksichtigung der relevanten Komponenten wählen.

In die relevanten Komponenten fällt hier auch das Rahmenmaterial! Es hat meist keine großen Auswirkungen auf bestimmte Längen, aber ist für das gewünschte Fahrverhalten sehr wichtig. Und das alles natürlich unter Berücksichtigung des Gewichtes von Fahrer und Gepäck.

Im Falle des Tandem war klar, daß Aluminium nicht in Frage kommt. Ich kannte ja die Fahrer. 🙂 Im Moment baue ich meine Rahmen aus Aluminium oder Stahl. Während ich Aluminium für ein ungefedertes Einzelrad meist nicht empfehle, da der Rahmen unnötig steif wäre, sieht die Welt beim Tandem anders aus. Da muß der Rahmen steif sein und Aluminium ist ein sinnvolles Material, weil damit bei erträglichem Gewicht äußerst steife Rahmen gebaut werden können. Steifigkeit beim Tandem ist vor allem wichtig gegen Torsion des Rahmens, also seine „Verdrehung“: Wenn sich einer nach rechts lehnt und einer nach links, wird sich der Rahmen verdrehen wollen, das kann beim Fahren sehr unangenehm sein. In engen Kurven kann man das sehr deutlich spüren. In meiner Familie gab es früher zwei Gazelle-Tandems. Die haben uns zwar viel Spaß gemacht, aber hatten noch die damals üblichen Rohrdurchmesser, so daß man sie heute praktisch als unfahrbar einstufen würde. Beim hier entstehenden Tandem sind die Rohrdurchmesser extrem vergrößert, Ober- und Unterrohr haben einen Durchmesser von 44,5mm. Da die weit auseinanderliegenden Rohre den größen Einfluß auf die Torsionssteifigkeit haben, wurde auf das diagonale Rohr verzichtet. Dadurch wird auch der Fahrkomfort etwas erhöht. Als gleichberechtigte Alternative hatte ich einen Geometrieentwurf mit geringeren Rohrdurchmessern und zusätzlichem diagonalen Rohr zwischen Steuerrohr und hinterem Tretlager, meist als Direct Lateral bezeichnet, gemacht. Vom Gewicht und Einsatzzweck her halte ich hier beides für sinnvoll. Der erwartete etwas bessere Komfort in vertikaler Richtung, die Optik und nicht zuletzt die etwas einfachere Zerlegung waren letztlich entscheidend für die Wahl der Geometrie.

Als dritten Schritt bei der Rahmenentwicklung geht es in die Details wie gewünschte Anlötteile, Zugverlegungen und selbstverständlich auch die Farbgebung. Wenn es Geometrie und Einsatzzweck zulassen, können das auch verschiedenen Rohrformen und Hinterbauvarianten wie zum Beispiel ein Wishbone sein. Hier beim Tandem sind das unter anderem die Bilaminate-Muffen am Steuerrohr und beiden Sattelknoten. Und auch die Gabel, die aus vier bestehenden Möglichkeiten bzw. Entwürfen ausgewählt wurde.

Damit kommen wir auch schon zu den letzten Bildern, die Teile ohne Lack zeigen:

Die Gabel fertig gelötet. Es ist eine recht klassisch anmutende Stahlgabel mit sogenanntem Doppelplatten-Gabelkopf.

GEBLA-Tandem-71

Der Scheibenbremsadapter ist tandemtauglich steif ausgeführt.

GEBLA-Tandem-72

Lowrider testweise montiert.

GEBLA-Tandem-73

Das rechte Ausfallende ist für eine Direktkontaktierung des SON Nabendynamos vorgesehen.

GEBLA-Tandem-74

Die Platten für den Gabelkopf sind extra angefertigt und aus rostfreiem Stahl. Wer hier öfter mitliest, wird es schon ahnen: Allerdings nicht aus dem üblichen rostfreien Stahl.:-) Der übliche rostfreie Stahl 18/10 (Besteckstahl) ist als sogenannter austenitischer Stahl sehr weich, zumal nach einer Erwärmung durch Löten. Er hat dann nur rund ein Drittel der Festigkeit von CrMo-Stahl. Deshalb sind bei vernünftigen Bestecken die Messer auch zweiteilig: Die Klinge ist aus härtbarem rostfreien Stahl, damit sie nicht so schnell stumpf wird bzw. überhaupt richtig geschärft werden kann. Die beiden Platten hier sind aus sogenanntem Duplex-Stahl, fast so fest wie CrMo, aber rostfrei.

GEBLA-Tandem-75

Die Vorbauten für Captain und Stokerin:

GEBLA-Tandem-77

Genug für heute, auch wenn ich praktisch nahtlos weiterschreiben könnte. Aber ab und zu wollen ja auch Rahmen entstehen. In echt, nicht im Internet. 🙂

Viele Grüße,

Georg Blaschke

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4 Kommentare
  1. Johannes permalink

    Sehr interessant, danke für die Ausführungen! Zwei Fragen noch: Inwiefern unterscheidet sich die Gabel von einer normalen Fahrradgabel? Und wie ist das Gewicht von Rahmen und Gabel?

    • Hallo Johannes,

      die Gabel ist schlicht deutlich stabiler. Die Gabelbeine haben höhere Wandstärke und sind aus 25,4mm Durchmesser Rohr gemacht, nicht aus dem üblichen aus 24mm. Zudem sind sie oben noch durch die Muffen verstärkt. Auch die Platten des Gabelkopfes würde ich bei einer normalen Gabel dünner machen. Vom besonders stabilen und längeren Scheibenbremsadapter hatte ich ja schon geschrieben.
      Die Gabel wiegt ungekürzt rund 1400 Gramm, der Rahmen 5,8 Kg. Die Gabel würde ich nicht leichter bauen, beim Rahmen ginge es schon, wenn man zum Beispiel auf die BiLaminate Sachen verzichtete. Auch die beiden Excenter für Rohloff und die Kupplungen schlagen zu Buche. Er ist auch eher steif ausgelegt.

      Viele Grüße,
      Georg

  2. MIKe permalink

    du betreibst ja immer ordentlich aufwand aber beim tandem ist das nochmal n haufen mehr … wieviele stunden in etwa bist du da drüber ?
    schöne grüße
    mike

    • Hallo Mike,

      aus gutem Grund rechne ich da nicht nach. 🙂 Ehrlich gesagt will ich es gar nicht wissen…

      Viele Grüße,
      Georg

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