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Früher war alles besser

9. März 2017

Bei Fahrrädern ist ja das Schöne, daß es alles gibt. Man bekommt Räder, die mindestens Technologieträger für die erste bemannte Marsmission sein müssen (wenn man die technische Beschreibung des Marketings liest) genauso wie perfekte Nachbildungen der Räder aus dem angeblich goldenen Zeitalter der handgebauten Fahrräder. Beim Auto gibt es das nicht: Man stelle sich nur mal vor, jemand wollte heute wieder einen VW-Käfer bauen. Kein Airbag, kein Kat und keine Schummelsoftware: Also keine Zulassung. Und wenn die Zündung verstellt ist, sucht der Mechatroniker in der Werkstatt verzweifelt nach dem Stecker für das Diagnosegerät anstatt nach dem 10er Schlüssel. Man könnte ihn nicht mal reparieren lassen. Da müßte man schon irgendwohin, wo es noch nach Öl riecht und man nicht unbedingt vom Boden essen sollte. Das wiederum ist beim Fahrrad genauso: Einen alten Rahmen bekommt man nicht im Flagship-Store repariert, sondern zum Beispiel bei mir.

Immerhin kann man einen alten Fahrradrahmen in der Regel reparieren, meist auch noch für relativ wenig Geld. Relativ deswegen, weil die Reparatur durchaus den Wert des Rahmens übersteigen kann, absolut aber für dasselbe Geld beim Auto nicht einmal ein Scheinwerfer auszutauschen ist.

Und damit sind wie beim Thema, daß früher natürlich nicht alles besser war. Sonst müßte man einige Reparaturen an alten Rahmen ja gar nicht durchführen. Als Beipiel hier soll ein alter Koga Miyata dienen, ein schöner klassischer Randonneur mit verchromter Kettenstrebe und Ausfallenden. Kein schlechter Rahmen. Die Kettenstrebe ist gebrochen. Ursächlich für den Bruch sind die starken Eindrückungen an der Kettenstrebe in Kombination mit der Ständerplatte. Mit solchen Eindrückungen wurden damals Rahmen für breitere Reifen und Dreifach-Tretlager versehen.

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Um möglichst nahe an den Originalzustand zu kommen, wurde die Kettenstrebe durch eine rostfreie Strebe ersetzt. So muß nur im Tretlagerbereich nachlackiert werden.

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Wie auf den Bildern zu sehen ist, habe ich die Verformungen der Kettenstreben anders gestaltet als im Original, eher oval gedrückt als eingekerbt. Schon vor rund 30 Jahren konnte man bei Hans-Christian Smolik nachlesen, daß starke Einkerbungen der Kettenstreben Auslöser für Risse sind. Wer lange genug im Geschäft ist, kennt sie auch aus Erfahrung.

Umso schlimmer finde ich, daß solche Einkerbungen teilweise wieder in Mode gekommen sind, wenn die Rahmen besonders traditionell aussehen sollen. Mal abgesehen davon, daß es zu den Grundlagen der Metallverarbeitung gehört, für eine lange Lebensdauer unnötige Verformungen und Kerben/scharfe Kanten aller Art zu vermeiden, haben sich auch die Rahmenrohre im Gegensatz zu früher eher zu festeren Stählen hin entwickelt. Bei dem weichen und dickwandigen Material eines Billigfahrrades ist so eine Einkerbung noch relativ unproblematisch, aber bei hochwertigen, festen Kettenstreben kann das schon einen Anriß bedeuten!

Es ist sinnvoll, nicht jedesmal das Rad neu zu erfinden. Aber wenn man Dinge übernimmt, sollten sie schon bewährt sein. Nicht alles war früher gut…

Viele Grüße,

Georg Blaschke

 

 

 

 

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7 Kommentare
  1. Meist waren solche Kerben auch pure Kaltverformung, einfach mit dem Hammer rein. Das man dem Material etwas Gutes tun könnte, indem man per Backofen das Kristallgitter wieder regenerieren läßt, hat sich erst später beim 6xxxer Aluminium durchgesetzt…

  2. Tobias Frank permalink

    Danke für die gute Arbeit! Das Koga fährt wieder zuverlässig jeden Tag.

  3. Hallo Georg!
    1. schön, dass du wieder öfter zum Schreiben kommst 😉
    2. wäre es bei dem Rahmen nicht sinnvoll gewesen (in weiser Voraussicht sozusagen), gleich die andere Kettenstrebe ebenfalls zu tauschen?
    LG
    Manfred

    • Hallo Manfred,

      die linke Kettenstrebe hat ja nur eine Eindrückung und ist weniger belastet, weil die Kette nunmal rechts ist. Insofern kann das noch sehr lange gutgehen. Klar hätte man die auch tauschen können, aber dann wäre doch ein größerer Eingriff in die Lackierung nötig gewesen, und es treibt die Kosten deutlich nach oben. Muß man abwägen. Ob die Entscheidung richtig war, weiß man es erst in einigen Jahren.

      Viele Grüße,
      Georg

  4. Hallo Georg
    Kürzlich habe ich einen alten Freund gefragt, ob er nicht auch glaube, dass früher alles besser war. Er hat dann geantwortet: „Das habe ich auch immer geglaubt. Heute weiss ich es“.

    Liebe Grüsse aus dem Süden
    Max

    • Hallo Max,

      schön, mal wieder was von Dir zu hören. Aber hoffentlich ist die Gegenwart nicht allzu schrecklich. 🙂

      Viele Grüße,
      Georg

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