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Warnwesten

26. Dezember 2017

Neulich gab es in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über den Warnwestenwahnsinn. Er ist als Glosse und Stilkritik gekennzeichnet und deshalb nicht ganz ernst zu nehmen. Trotzdem weißt er darauf hin, daß letztlich eine Übertragung der Sicherheit in die Verantwortung des Einzelnen stattfindet, der bitte schön durch das Tragen einer Warnweste für seine Sicherheit zu sorgen hat.

Leider ist viel Wahres dran. Erstens ist eine Warnweste keineswegs besonders stilvoll, sondern läßt einen tatsächlich eher affig aussehen. Zweitens kann man wirklich fragen, ob es nötig ist, daß jeder jetzt Warnweste trägt und ganze Schulklassen damit ausgestattet werden. Wer regelmäßig als Verkehrsteilnehmer niederer Ordnung, Radfahrer oder Fußgänger, unterwegs ist, kennt allerdings die Antwort: Es ist nötig. Man wird oft schlicht nicht gesehen, trotz Beleuchtung. Auf den Autofahrer, der einem in die Vorfahrtstraße einbiegend die Vorfahrt nimmt, hat man sich ja längst eingestellt. Aber ob man von dem gesehen wird, der sich von hinten so schnell nähert? Da kann man sich nicht sicher sein. Als Radfahrer kann man ja gut in die Autos gucken und sieht oft genug, daß in der Hand des Fahrers ein Smartphone leuchtet…

Als meine Kinder noch zur Grundschule gingen, stand ich regelmäßig morgens als sogenanter Schulweghelfer an der einzigen Ampel Geldersheims. Natürlich mit Warnweste und sogar reflekierender Kelle. Auch da kann man sich fragen, ob das nötig ist, schließlich steht man da an einer Fußgängerampel und sorgt lediglich dafür, daß die Kinder während er Grünphase sicher über die Straße kommen. Aber ausnahmslos jeder der Schulweghelfer, mit denen ich gesprochen habe, kann von Fällen berichten, in denen ein Autofahrer das Rotlicht einfach überfahren hat. Von den üblichen regelmäßigen Rasern abgesehen. Da wäre nicht zwangsläufig etwas passiert: Die Kinder verhielten sich meist vorbildlich und haben gut aufgepaßt. Vorbildlich haben sich übrigens auch die damals noch in größerer Zahl in Schweinfurt lebenden Amerikaner verhalten. Da gab es nicht einen einzigen, der die Schule nicht mit deutlich verminderter Geschwindigkeit passiert hätte. Daran darf man sich ruhig mal erinnern in Zeiten, die man meist nur mit dem twitternden Ober-Amerikaner verbindet.

Inwieweit man sich reflektierend ausstatten möchte, muß nach wie vor jeder selbst entscheiden. Sicherheit war in diesem Sinne immer schon eine sehr persönliche Verantwortung. Das wird sich vielleicht mal irgendwann ändern, wenn alle Autos automatisiert unterwegs sind. Sollte das verläßlich funktionieren, wäre das tatsächlich eine deutliche Verbesserung. Aber bis dahin kann es meiner Meinung nach nicht schaden, sich sichtbar zu machen.

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From → Fahrradwelt

7 Kommentare
  1. Ich habe den Artikel auch gelesen. Ja mei. Mal trage ich eine Weste, mal nicht. Allerdings muss man dem Autor noch einmal mitteilen, dass er seinen Foucault nicht zu Ende gelesen hat. Im Namen der „Sicherheit“ (was auch immer das sei), unterwerfen sich viele einem Kontrollzwang und fahren ihre Kinder im PKW zur Schule, anstatt diese zu Fuß, per Velo oder gar völlig alleine den Weg bestreiten zu lassen.
    Dagegen ist die Weste geradezu ein Kinkerlitzchen.

    p.s. und total off-topic: Ich suche noch einen Nasslackierer für eine Restauration…..

    • Ja, die Kinder sollten ohne Auto zur Schule, daß würde die Sicherheit für alle deutlich erhöhen. Die Kinder können das, auch wenn manche Eltern das nicht glauben. 🙂

      Zum Nasslackierer: Es kommt natürlich auch auf die Komplexität an, aber ich kann Rockenstein und Cycle Art Berlin empfehlen. Allzu groß ist die Auswahl leider nicht.

      Viele Grüße,
      Georg

  2. Benjamin Quest permalink

    Ich fahre ja grundsätzlich so, als wäre ich unsichtbar. Die Grundannahme, dass niemand mich wahrnimmt und ich alleine dafür verantwortlich bin, jegliche Kollisionen zu vermeiden, rettet mit (gefühlt) jeden Tag (wieder gefühlt) zwei Mal den Allerwertesten.

    Ich oute mich trotzdem als gelegentlicher Warnwestenträger, insbesondere im Winter, wenn es schneit und ich einfach nicht so gut schauen kann, wie es notwendig wäre. Denn diese Jahreszeit ist auch noch die Zeit, in der gar kein Autofahrer mehr mit einem Radfahrer zu rechnen scheint und der Radweg nicht nur die übliche „Verhandlungsmasse“ ist, sondern oft auch einfach von zwei Seiten zugeräumt wird. Allerdings beruhigt die Warnweste nur noch recht milde das eigene Gewissen, denn von den autofahrenden Smombies, vor denen habe ich echt Angst. Die sehen in ihren WhatsApp-Momenten nichts, gar nichts, keine Westen, keine Rücklichter, keine Ampeln, allenfalls noch die wärmende Lichtdusche einer ordentlichen Blitzeranlage (gibt es sowas eigentlich für die Sattelstützmontage?).

    • Ja, die Annahme der eigenen Unsichtbarkeit ist wichtig. Das handhabt man ja auch als Autofahrer so, dadurch kann man schon mal die Unfälle vermeiden, bei denen einem die Vorfahrt genommen wird. Im Grunde die gute alte Rücksichtnahme im Verkehr, die es dem anderen erlaubt, auch mal einen Fehler zu machen.
      Aber die Autos, die von hinten kommen und von denen man nicht weiß, ob sie auf die Straße oder auf das Display gucken, machen auch mir die meisten Sorgen…

      Viele Grüße,
      Georg

  3. Peter permalink

    Hallo Georg,

    ich trage aus Prinzip keine Warnweste, da ich aber immer in „Radklamotten“ unterwegs bin und diese in aller Regel Reflektoren haben, ist das Ergebnis ähnlich.
    Wirkliche Probleme sind Personen, die mit der normalen Allerweltskleidung zu Fuß oder mit dem Fahrrad im Dunklen unterwegs sind – die sieht man wirklich nicht. Denen wäre eine Warnweste oder sonstwie befestigte Reflektionsstreifen dringend empfohlen, aber jeder ist ja selbst seines Glückes Schmied.

    Schlimmer finde ich im Verkehr eher, dass jetzt jeder mit seiner Blechkutsche auch am Tag mit Licht herumfährt – von unseren Oberen wegen der Sicherheit empfohlen – und man so als Radfahrer noch weniger beachtet und gesehen wird.

    Gruß Peter

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