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Hopfen und Malz

30. September 2020

Leider, leider sind wir ja alle in diesem Jahr der Möglichkeit bzw. Notwendigkeit beraubt, in Lederhose oder Dirndl jauchzend auf Tischen zu tanzen und dabei krampfhaft zu versuchen, 4 bis 7 Maß alkoholhaltigen Spülwassers nebst einem halben Hendl und einer Brezn in uns zu behalten. Immerhin spart man dadurch den Gegenwert von zum Beispiel einem hübschen Wochenende auf dem Rad mit Übernachtung. Oder man macht es einfach wie ich, fährt mit dem Rad Einkäufe erledigen und stellt dabei fest, daß nicht nur auf der Theresienwiese, sondern auch in Schweinfurt Hopfen und Malz verloren sind. Nicht, weil es hier kein Oktoberfest gibt, sondern weil man hier als Radfahrer eigentlich nur noch resignieren und verzweifeln kann.

Dabei gibt es seitens der Stadt und des Stadtrates durchaus ein gewisses Bemühen: Es gibt ein Radverkehrskonzept, es sollen Lastenpedelecs finanziell gefördert werden und es soll sogar eine Fahrradstraße geben. Auch wenn die Fahrradstraße zum guten Teil deswegen gewählt wurde, weil dort eh kaum Autos fahren, ist das natürlich zu begrüßen. In der Verlängerung der zukünftigen Fahrradstraße sieht es aber leider anders aus. Vor einiger Zeit noch hatten hier die Radfahrer Vorfahrt gegenüber der Zufahrtstraße von rechts, mittlerweile müssen sie den Autos Vorfahrt gewähren, obwohl sie eigentlich geradeaus wollen und die Autos ein paar Meter weiter eh Vorfahrt gewähren müssen. Das hätte man auch wesentlich fahrradfreundlicher gestalten können…

A propos gestalten: Immerhin wurde hier hübsch und aufwendig der Boden bemalt… Ein gewisser Hang zur Bodenbemalung ist in Schweinfurt seit zig Jahren vorhanden, meist wird ein Strich auf den Asphalt gemalt und die abgespaltene Fläche zum Radweg erklärt. Leider wird eine Fläche in der Realität des Verkehrs dadurch nicht unbedingt zum Radweg, sondern zum Beispiel im Schulviertel auch gerne zum Wartebereich für die Helikoptereltern. Die radelnden Schüler können dann sehen, wo sie bleiben…

Diese Lösung ist leider ein gutes Beispiel dafür, wie es hier in der Regel läuft und warum für mich Hopfen und Malz verloren sind. Offensichtlich fährt von den verantwortlichen Personen niemand Rad und kann sich gar nicht vorstellen, was gutes Radfahren ausmacht. Vermutlich kann sich dort auch niemand vorstellen, daß jeder Radfahrer mehr nicht nur ein Gewinn für die Umwelt ist, sondern auch für die leidenden Innenstädte. Ein großer Vorteil des Radfahrens ist eben, daß man recht bequem auch die kleinen Geschäfte der Innenstadt erreicht, während Autofahrer eher die grüne Wiese oder Einkaufszentren ansteuern. Zudem schafft jeder Radfahrer mehr Platz für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer auf das Auto angewiesen sind, um in die Innenstadt zu gelangen. Jeder nicht benötigte Parkplatz schafft Platz für Fußgänger. Oder eine Außenbewirtung. Oder einen Baum. Oder einen Spielplatz. Und wenn Sie mal in sich gehen: Die erfolgreichen und schönen Städte und Orte sind nicht die, in denen man mit dem Auto überall bequem hinkommt.

Viele Grüße,

Georg Blaschke

From → Fahrradwelt

4 Kommentare
  1. Benajmin Quest permalink

    Georg, die Überschift ist mal wieder sowohl zutreffend als auch zu treffend.

    Es fehlt eigentlich nur noch ein „Radfahrer absteigen und schieben“ Schild. Das ist auch so ein Verkehrsschild, dass einen an der Allgemeingütigkeit von Paragraph 1 des Grundgesetzes zweifeln läßt, so wie etliche Ampelschaltungen im innerstädtischen Raum, die einem Radfahrer unmissverständlich klar machen, dass seine Würde ganz offenbar durchaus antastbar ist.

    In der Verkehrsplanung gilt: der Radfahrer, das unbekannte Wesen (und damit ja eben nicht notwendigerweise mit menschlicher Würde auszustatten). Die Tatsache, dass Radfahrer im Alltäglichen sehr gut daran tun, nicht auf ihren Rechten zu beharren (einen gewissen Selbsterhaltungstrieb vorausgesetzt), spielt der verkehrspolitischen Dominanz des Autoverkehrs leider weiter in die Hände.

    Was kann man also gegen solche von Schildbürgern ersonnenen Radverkehrsführungen unternehmen? Die lange vorausgehende (Fehl-)Planung bekommt man ja i.d.R. nicht mit und einen „Rückbau“ solcher Bausünden zu erreichen, dauert wieder Jahre, wenn es überhaupt passiert? Und der Konsum von auf Hopfen und Malz basierenden Getränken in dem Umfang, der einen über solchen Mist hinwegsehen lässt, ist mit einer Radfahrt dann auch nicht mehr (legal) vereinbar.

    • georgblaschke permalink

      Ha ha, „Radfahrer absteigen“ ist hier auch eins der Lieblingsschilder, wenn irgendwo irgendetwas eng wird…

      Das mir unverständliche ist ja: Die meisten Radfahrer sind ja auch Autofahrer und verstehen sehr gut, daß der beste Weg zu einem erfüllten und entspannten Leben als Autofahrer die Förderung des Radverkehrs ist. Man kann in einer heutigen Stadt schlicht gar nicht mehr so großzügig und autogerecht planen, daß Autofahren bei dem gegebenen Verkehrsaufkommen gut funktioniert. Also muß man andere Wege suchen. Jeder zusätzliche Radfahrer läßt letztlich auch den Autoverkehr besser fließen…

      Viele Grüße,
      Georg

  2. Thomsen permalink

    Wie wahr, leider.

    Liebe Grüsse,
    Thom.

  3. Dobie permalink

    Ein sehr gutes Beispiel, dass es anderswo auch nicht besser ist. In Kassel haben es die Verkehrsplaner aber zu besonderer Kunstfertigkeit gebracht – und lassen sich dafür auch noch regelmäßig groß feiern.
    Aufgemalte Radfahrstreifen, natürlich nur in einer Richtung, sind dort immer dann das Mittel der Wahl, wenn eine vielbefahrene Straße (meist ein Hauptverkehrsweg) bereits für den Kraftfahrzeugverkehr grenzwertig schmal ist. Ohne die Streifen lief das jahrzehntelang einigermaßen akzeptabel, aber seit sie da sind, ist das Konfliktpotential spürbar größer geworden, und ich kann das verstehen.
    Neben dem Radstreifen parken meistens Autos am Straßenrand, und natürlich kann da auch immer mal eine Tür aufgehen oder jemand losfahren. Neben den Parkstreifen befinden sich dann gut ausgebaute Bürgersteige, die in einem Fall deutlich verbreitert wurden und überhaupt erst zur kritischen Fahrbahnbreite führten – aber für Radfahrer natürlich gesperrt sind.

    Noch besser könmnen das einige Gemeinden in der Umgebung, wo sich der Radfahrstreifen dann rechts neben dem Parkstreifen befindet, also zwischen parkenden Autos und Bürgersteig bei kaum einem Meter Breite. Der Radfahrer muss dort also nicht nur mögliche Insassen der Autos im Blick behalten, sondern auch Fußgänger und Bordsteine, weil der Radstreifen selbstverständlich an einigen Stellen auf den Bürgersteig schwenkt (wo wiederum kein Fußgänger mit dem Radfahrer rechnet). Besonders schön wird das an Bus- und Starßenbahnhaltestellen, wo der Radstreifen natürlich genau auf dem Bürgersteig und dort mitten durch den Wartebereich verlegt wird. Aber so richtig kritisch wird es erst, wenn der Radstreifen endet und der Radfahrer zwischen den parkenden Autos in den laufenden Verkehr einfädelt, der natürlich ebenfalls nicht mit ihm rechnet. Besonders witzig: In zweien dieser Fälle ist die ganz normale Straße nebenan wirklich breit und hervorragend ausgebaut, der Radler würde die Autofahrer dort selbst bei Gegenverkehr überhaupt nicht stören. Und wiederum einer dieser beiden Fälle versaut die traumhafteste Abfahrt in der ganzen Gegend, wo der Radler auf einer 12-Kilometer-Gefällstrecke stellenweise mühelos im Kfz-Verkehr mitschwimmen könnte bzw. selbigen dann erst so richtig überrascht, wenn er den Radstreifen hinter einer Reihe parkender Autos mit Tempo 50 wieder verlässt.

    Echte Radwege, die ausgerechnet an Schlüsselstellen der Verkehrsführung enden und dort rechtwinklig an der denkbar sinnlosesten Stelle in den Autoverkehr abknicken, sind hier schon gar keine Erwähnung mehr wert. Viel cooler sind nämlich jene Radstreifen und Radwege, die im künstlich verkehrsberuhigten Einbahnstraßengewirr exakt auf der falschen Seite in den Gegenverkehr geführt werden – der sich natürlich völlig zu Recht in Sicherheit wähnt und das nun wirklich nicht erwartet, während er bereits zornig bis hilflos in der normalen Verkehrsführung um Übersicht ringt.

    Ein ganz besonderes Schmakerl kommt auf den zahlreichen und wirklich gut gemachten, geteerten Feldwegen in der weitläufigen Umgebung hinzu, die aus gutem Grund für den Radverkehr freigegeben sind und auf denen natürlich auch die Fernradwege laufen.
    An ihren Ein- und Ausfahren standen normalerweise mittige Pfosten, die eben das Befahren mit vierrädrigen Fahrzeugen zuverlässig verhinderten. Angehörige der zuständigen Behörden hatten natürlich Schlüssel und Werkzeuge, um diese Pfosten kurzzeitig umzulegen oder zu entfernen, z.B. zum Erreichen einer örtlichen Kläranlage oder für Arbeiten zur Streckensicherung. Für die Landwirte der anliegenden Felder muss das auch gegolten haben; jedenfalls hat es jahrelang funktioniert und man musste nur gelegentlich mal mit Motorrollern oder ausgewachsenen Motorrädern auf diesem Wegen rechnen, wenn da halt jemand seinen Spaß haben wollte. Oder ab und zu mit einem langsam fahrenden Unimog oder Traktor.
    Vor einigen Jahren wurden die Pfosten entfernt, warum auch immer. Und seitdem läuft vor allem zu Stoßzeiten dort Autoverkehr, als sei es das Normalste auf der Welt. Geländewagen mit Anhänger? Pkw mit Tempo 80 auf einem kaum über zwei Meter breiten Weg? Den Radfahrer dabei auch mal in den direkt daneben laufenden Fluss abdrängen (oder das zumindest versuchen)? Den offiziellen und gut ausgeschilderten Radfernweg neben einer Schrebergartenkolonie im Sommer regelmäßig komplett sperren, um dort zu grillen und Planschbeckenparties zu feiern, hinter wild abgestellten Autos? Alles ganz normal. Und immer feste hupen oder meckern. Toll.
    Im ganz normalen Straßenverkehr fühle ich mich mittlerweile wirklich wieder wohler.

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